Über den Wolken, da muss die Freiheit doch grenzenlos sein! Ob das genau so stimmt, werden wir mit diesen Test wohl nicht erfahren, aber ob „Airline Tycoon 2“ ein tolles Spiel ist hingegen schon.

Bei „Airline Tycoon 2“ handelt es sich um ein Spiel mit langer Geschichte. Gut, lang ist relativ. Doch die „Airline Tycoon“-Serie ist kein unbekannter Hut in der deutschen Spielelandschaft. Der erste Teil – entwickelt von Spellbound Entertainment, den Leuten, die  „Arcania – Gothic 4“ verbrochen haben – kam 1998 auf den Markt. Mit liebevoller Comicgrafik, einem recht anspruchsvollem Wirtschaftssystem und einem Humor, den man nicht mögen muss, aber dennoch akzeptieren kann. Nach diesem erfolgreichen Erstling machte sich Spellbound daran, eine Menge an guter sowie schlechter Addons – ihr wisst schon, die DLCs von damals – zu entwickeln, bis sie sich dann dazu entschieden, einen zweiten Teil zu entwickeln. 3D sollte er sein und nach einiger Entwicklungszeit wurde das Projekt auf Eis gelegt. Es fand sich einfach kein Publisher. Als Spellbound dann auch noch mit der Entwicklung von „Arcania – Gothic 4“ betraut wurde, hörte man bis zur Pleite von JoWood nichts mehr. Der zweite Teil indes suchte sich seinen eigenen Weg und wurde vom deutschen Publisher Kalypso aufgenommen und an das B-Alive Studio („Wildlife-Park“-Reihe) übergeben. Diese warfen die vorhandenen Codes über Board und entwickelten eigenständig „Airline Tycoon 2“ nach ihrer Regie weiter. Ob das so eine gute Entscheidung war, mag man bezweifeln. Doch ein gutes Spiel wurde es dennoch, auch wenn es gerne um sich schlägt und beißt.

 

Böses Kind

Adoptionen sind so eine Sache. Das adoptierte Kind sollte man liebhaben, aber ob man es auch wirklich tut ist eine andere Sache. Genau so könnte B-Alive mit „Airline Tycoon 2“ umgesprungen sein, als es hieß „Hier mach mal!“. Man merkt dem Spiel seine Liebe durchaus an, doch an sehr vielen Stellen sieht man auch die Wunden durch Schläge, die das Kind erleiden musste. Der zweite Teil wirkt unfertig, undurchdacht und vor allem unliebevoll behandelt. Das fängt bereits mit der sperrigen Präsentation des Wirtschaftsteils an und hört nie auf. Die Aufgabe ist es, die eigene Fluglinie zur erfolgreichsten zu machen und dabei die Konkurrenz links liegen zu lassen. Um dies zu bewerkstelligen, kauft man Flugzeuge, die man selber sogar gestalten und bemalen kann, mietet Routen, kauft sich Personal – keine Skalven! – und schickt diese samt Flotte auf die Reise. Dabei müssen Preise kalkuliert werden, die Entscheidung getroffen werden, wann ich welches Flugzeug wie lange warten lasse und ob meine Passagiere um puren Luxus schwelgen sollen oder auf Strohballen durch die Lüfte stottern müssen. All diese Entscheidungen haben Auswirkungen auf das Image der einzelnen Routen und am Ende auf meinen Erfolg. Keine leichte Aufgabe, ja, aber sie wäre machbar, würde das Spiel mir unter die Arme greifen und mich dabei unterstützen. Es fehlt an allen Ecken und Kanten an Feedback, ob meine Entscheidung richtig war. Man darf sich zwar Berater an die Seite stelle, das Einzige, was diese aber können, ist, mir ständig die selbe Nachricht vor zu leiern. Oder mir zu sagen, wie sich das Image der einzelnen Routen entwickelt. Es ist einfach unvorstellbar, wieso das Image bei einigen Momenten anwächst und wieso nicht, obwohl ich nichts verändere. Auch fehlt es allgemeinen an Informationen zu den Routen: Wie oft wird sie beflogen oder wie stark ist auf dieser Route die Konkurrenz, wie steht meine Airline da und was ist der Firmenwert. Diese tröde Darstellung der Statistik ist einfach nur als unübersichtlicher Witz zu verstehen, auch weil die Diagramme kaum erkennbar sind und man kaum einen Vergleich zu der Konkurrenz hat. So dümpelt man blind herum. Man ist ahnungslos. Ohne genau zu wissen, was man jetzt eigentlich tun soll, klickt man sich so weiter durch die Tage, in der Hoffnung endlich einen genauen Auftrag bekommt.

 

Die schöne Excel-Tabelle

Das Leben als Fluglinien-Manager/in ist durchaus vielseitig. Wir können neue Flugzeuge selber gestalten und bauen, die Innenausstattung und die allgemeine Farbgebung bestimmen – oder wir kaufen diese auf dem Gebrauchtmarkt, wo wir auch unsere alten Flugzeuge verschärbeln können. Des weiteren kaufen wir Personal ein, mieten Routen, planen, was unsere Passagiere auf dem Flug futtern dürfen, nehmen einen Kredit auf und schauen uns im Duty Free Shop um. Außerdem können wir unsere Airline vor Sabotage sichern oder die Konkurrenz sabotieren. Neben der Planung der Routen und dem Hinzukauf von Fluzeugen zu der schon vorhandenen Flotte sowie das Erledigen von Sonderaufträgen, gibt es schlicht nichts zu tun. Entweder es läuft alles prima oder wir gehen sicher pleite. Nach einigen Handgriffen wirtschaftet sich die Fluglinie fast schon von alleine und wir können uns von Tag zu Tag klicken, die Statistik von unserem Flughafen-Manager anhören und dann wieder zum nächsten Tag springen. Derweil wächst unser Konto oder es schrumpft mit der Zeit. Wieso es gerade schrumpft, obwohl man laut Statistik den Tag mit Gewinn beendet, ist unverständlich. Während man den Tag beendet, gibt es plötzlich Zahlungen, die aber nicht in der Statistik aufgeführt werden, außer natürlich man schaut sich die Statistik der zwei Tage zusammen an. Welche Logik ist das? Doch auch wenn man sich die Zeit mit dem Flughafen totschlägt, die Menschen beobachtet wie sie erst an unserem Schalter und dann in der Louge auf das Flugzeug warten, ist es nicht viel besser. Man bemerkt, dass jeder Flughafen gleich aussieht und es keinen Unterschied macht, ob wir in Frankfurt, London oder Dubai sitzen. Dass nicht mal das Personal an die unterschiedlichen Kulturen angepasst wird, grenzt schon fast an Faulheit. Zudem ist der Flughafen ziemlich unübersichtlich aufgeteilt und viele Orte findet man sogar erst, wenn man die Flughafenkarte benutzt. Und so läuft sich der zweite Teil der Wirtschaftsreihe fast schon von alleine, während man z.B. diesen Test schreiben kann und ab und zu auf den Bildschirm schauen muss, um eine Anfrage zu bestätigen. Denn klicken werden wir hier sehr viel. Nicht nur, dass wir von A nach B laufen müssen, um beispielsweise das Personal auf ein Flugzeug zu schicken – per Flughafenkarte kann man sofort zu den gewünschten Orten reisen – sondern wir müssen auch jeden kleinen Furz bestätigen, um überhaupt in ein Menü zu kommen. Denn ein Klick ist nicht gleich ein Klick und muss erst mit einem erneuten Klick bestätigt werden. Wer kommt auf solche designtechnischen Ideen? Aber auch wenn „Airline Tycoon 2“ nicht dazu einlädt immer aktiv und Minuten lang vor dem Bildschrim zu hocken, so sieht es doch ganz gut aus. Der Comic-Look gefällt auf Anhieb und die Hintergründe der einzelnen Räume sind mit massig witzigen Objekten geschmückt. Des Weiteren sind die Texturen hochauflösend und die Figuren – vorallem die Passagiere, allen voran Figuren aus Avatar und den Papst – sehen witzig aus und besitzen ihren eigenen Charme. Selbst wenn die Grafik sofort gefällt und ansonsten kritiklos bleibt, muss sie sich dennoch eins gefallen lassen. Menüs, Graphen und Statistiken sind so hässlich und unpassend, dass man sofort wieder wegschauen möchte.

 

Witzigkeit kennt eine Grenze!

Schon der erste Teil war auf eine Art ‚lustig‘ getrimmt worden. Es ist zwar nicht jedem gleich sein Geschmack und nicht jeder würde in schallendes Gelächter ausbrechen, aber der Humor war im ersten Teil akzeptabel und lud doch schon mal zum Schmunzeln ein. Anders der zweite Teil. Hier wird per Holzhammer-Methode versucht, witzig zu sein. Man wird sogar dazu gezwungen, den Humor immer und immer wieder an den Kopf geknallt zu bekommen. Es ist einfach nicht lustig über Sterotypen zu stolpern, wie dem schwulen Innendesigner, dem schweizer Banker oder der sächsischen Personalchefin, und dann immer und immer wieder die gleichen Phrasen zu hören. Schnell kommt man wieder in den Klickwahn, um diesen nervtötenden Humor zu überspringen. Zum Glück sollte man erwähnen, dass „Airline Tycoon 2“ modbar ist, also man die Hoffnung hegen kann, dass die Community entweder einen besseren Humor einbaut oder diesen gleich abstellt. Aber auch wenn der Humor eine Steinwand ist, an der man gerne gegen rennt, so besitzt der zweite Teil ebenso seinen eigenen Charme, der einen sofort packt. Man sollte bedenken, dass jeder „Airline Tycoon 2“ selber versuchen sollte, um herauszufinden, ob einem der Wirtschaftsteil zu schwach erscheint. Er ist zwar stark im Vordergrund vorhanden, könnte aber etwas stärker sein. Die Optik gefällt und der Humor für sich gesehen ist dann doch nicht so schlecht, um sich für oder gegen einen Kauf zu entscheiden.

 

Fazit

2003 erschien eine Deluxe-Version des ersten Teils, mit all seinen Addons und dem Hauptspiel. Wie gern habe ich den ersten Teil gespielt! Es war zwar der einzige Airline-Simulator auf dem Markt, aber es war auch der beste. Er hatte auch so seine Fehler und war nicht perfekt, dennoch mit seinem eigenen Charme und dem tollen Spielfluss, zog er einen für Stunden in den Bann. Da freut man sich als Fan des Erstlings doch doppelt auf den zweiten Teil, bis man dann enttäuscht feststellen muss, dass viele Dinge aus dem ersten Teil gar nicht mehr dabei sind. So kann man sich nicht mehr dafür entscheiden, wer die Flotte warten soll, was für Treibstoff man tanken möchte und man kann nicht mehr seine Konkurrenten mit Aktienmehrheit aus dem Weg räumen. All dies sind Dinge, die ich mir so sehr in dem zweiten Teil gewünscht hätte. Dies ist aber auch nicht meine einzige Enttäuschung, den mir der zweite Teil beschert. So ist der Humor nervig, die Präsentation schwach und das Spiel läuft entweder im Leerlauf oder vor Langeweile. „Airline Tycoon 2“ ist zwar immer noch der beste Wirtschaftssimulator in Sachen Airline, aber selbst er hatte schon mal bessere Tage gesehen. Auch wenn er so eine lange Geschichte hatte. Schade! Wer sich für dieses Genre interessiert, sollte dennoch mal in die Demo reinschauen.

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Über den Autor

Tony Klemm
Redakteur
Ich kümmer mich um den Video Bereich, die Community sowie dies und jenes. Außerdem schreibe ich Tests, Kolumnen und Artikel.
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