Ein Rollenspiel braucht nicht immer einen mächtigen Bösewicht, der die ganze Welt ins Chaos stürzen will. „Atelier Totori: The Adventurer of Arland“ beweist nämlich, dass es auch anders geht. Ob der Titel überzeugen kann, erfährst du in unserem Testbericht.

Totooria Helmold, eine junge Alchemistin, die bei der Protagonistin des Vorgängers Rorolina Frixell in die Lehre ging, ist auf der Suche nach ihrer Mutter. Die Einwohner des kleinen Fischerdorfes, in dem sie lebt, bleiben diesbezüglich allerdings verschwiegen. Totori hofft, mit einer Abenteurer-Lizenz mehr über den Verbleib ihrer Mutter herausfinden zu können. Doch dies gestaltet sich schwieriger als sie angenommen hätte. Die Lizenz wird nur dann verlängert, wenn sie einen bestimmten Rang in einer vorgegeben Zeitspanne erreicht. Sollte dies nicht gelingen, ist das Abenteuer bereits vorzeitig vorbei. Gleichzeitig muss sie selbstverständlich ihre Kenntnisse der Alchemie erweitern, die in dieser Spieleserie weiterhin den höchsten Wichtigkeitsgrad besitzen. Letztlich liegt es am Spieler, ob die Reise ein gutes Ende nimmt. Es gibt nämlich neben den drei hauptsächlichen Abschlüssen der Geschichte – dem schlechten, normalen und wahren Ende – auch noch etliche spezielle Enden, die man selbst entdecken muss.

 

Das Abenteuer

Nach einer geschichtlichen und mit Tutorials versehenen Einleitung, die sich beim erneuten Durchspielen erfreulicherweise überspringen lässt, beginnt das Abenteuer erst richtig. Man ist nun nämlich stolzer Besitzer einer Abenteurer-Lizenz, die – je nach Rang – zum Besuch weiterer Locations berechtigt. Dafür müssen Punkte gesammelt werden, die man durch verschiedene Arten von Zielen erhält: Kampf, Erkundung, Quests und Wissen. Jede dieser Kategorien bietet diverse Aufgaben wie beispielsweise 15 Wölfe zu besiegen oder ein bestimmtes Item mit Alchemie herzustellen. Das bietet durchaus eine gewisse Abwechslung, während die normalen Quest, die man zu Beginn in Gerhards Bar und später auch in Arland annehmen kann, ziemlich monoton wirken. Sie unterscheiden sich lediglich vom Monster oder dem gesuchten Item. Eine geschichtliche Verstrickung erfolgt leider nicht. Zudem werden die selben Quests nach einiger Zeit wieder verfügbar. Das Ganze läuft also in einer Endlosschleife. Dafür sind die Landschaften, die man dafür bereisen muss, schön anzusehen. Man geht gerne auf Entdeckungstour. Die Welt ist hierbei nicht direkt miteinander verbunden. Ziele werden über eine Weltkarte ausgewählt. Hier kommt auch eine taktische Komponente ins Spiel, denn die Reisen dauern eine gewisse Anzahl an Tagen. Sollte man zu viel unnötig in der Gegend herumreisen, könnten Punkte fehlen, die man für die nächsten Ränge und somit auch für die Verlängerung der Lizenz benötigt. Das bringt aber gleichzeitig ein gravierendes Problem innerhalb des Spiels mit sich. Die Gestaltung des Spielkonzeptes wurde einerseits sehr offen gehalten: Jederzeit ist die Reise zu allen aufgedeckten Locations auf der Karte möglich und es darf selbst entschieden werden, mit welchen Zielen die nötigen Punkte erreicht werden. Andererseits hat man ständig ein zeitliches Limit. Man kann nicht einfach mal so leveln oder Items herstellen. Ständig vergeht die Zeit und nach gut fünf Jahren endet das Spiel spätestens. Dies lässt sich leider nicht ändern. Schlimm daran ist besonders die für einen Gegner nötige Ausgeglichenheit von Alchemie- sowie Abenteurer-Level. Durch die Freiheit sollte man eigentlich selbst entscheiden können, wie viel Wert man auf die beiden Level jeweils legt. Zusätzlich sorgt die Zeit-Begrenzung dafür, dass es richtig schwer ist, wirklich jeden Ort auf der Karte beim erstmaligen Durchspielen zu erkunden. Erst in den letzten zwei Jahren kann die Karte komplett aufgedeckt werden, um zu jedem Ort reisen zu können.

 

Im Stile der Visual Novel

Storymäßig ist das Spiel nicht sehr komplex. Hauptaugenmerk liegt auf der Suche nach der leiblichen Mutter. Eine epische Erzählung sollte man nicht erwarten. Ansonsten gibt es dafür noch ein paar kleinere Nebenhandlungen, die durch teils sehr amüsante Gespräche aufgerollt werden. Um alles verstehen zu können, ist allerdings die Beherrschung der englischen Sprache Pflicht. Es gibt lediglich englische Texte. Neben der brillanten englischen Synchronisation ist übrigens auch die japanische Tonspur enthalten. Das Spiel bietet jedoch keine vollanimierten Zwischensequenzen. Stattdessen ist das Geschichtliche im Stile der Visual Novel gehalten. Im Vordergrund sieht man die Charaktere des Gesprächs, deren Gefühlsregungen durch sich ändernde Grafiken deutlich werden. Das könnte man kritisieren, sehe ich aber persönlich nicht als schlecht an. Die Gesichter sehen beispielsweise in der Spielgrafik nicht ganz so schön aus, aber dafür dank den Standbildern während den Dialogen viel hübscher. Weniger schön ist da die ständige Unterbrechung, wenn man gerade etwas machen will. Zum Beispiel wollte ich am örtlichen Brunnen nur einmal schnell Wasser holen. Doch beim Verlassen des Ateliers begann ein Dialog. Meistens sind die Gespräche zwar gut gestaltet, aber das nervt schon ein wenig. Besonders dann, wenn man ständig während dem Herstellen von Items unterbrochen wird. Manchmal muss man nach dem Gespräch erstmal überlegen, was man überhaupt machen wollte. Auffällig ist zudem, dass sich Charaktere oder andere Lebewesen sehr steif bewegen. Das hätte man ansehnlicher machen können.

 

An die Front!

Das Kampfsystem bei Atelier Totori ist rundenbasiert. Es passiert also gar nichts, bis man selbst nicht einen Befehl ausgewählt hat. Jeder kann angreifen, aber nur diejenigen, die in der Alchemie bewandert sind, können ebenso Items einsetzen. Dann gibt es noch spezielle Techniken, die Punkte verbrauchen, aber im Kampf sehr hilfreich sein können, und Special-Moves, wenn ein Charakter viel einstecken musste. Besonders Letzteres sieht von der Animation her sehr schön aus. Ein weiteres gutes Feature ist das Beschützen von Totori, wenn sie angegriffen wird. Da sie hauptsächlich für Items zuständig ist, ist sie sehr wichtig. Daher haben die Macher sinnvollerweise die Möglichkeit integriert, mit den beiden anderen Teammitgliedern Angriffe zu blocken. Zudem können sie zusätzlich angreifen, wenn Totori ein Item gegen den Gegner einsetzt. Wie oft dies verfügbar ist, hängt von der Freundschaftsstufe ab. Diese lässt sich erhöhen, wenn einer der Freunde ins Atelier kommt und man diesem das gewünschte Item überreicht.

 

Mein Leben der Alchemie gewidmet

Das Spiel ist etwas für Experimentierfreudige. Es können diverse Items hergestellt werden. Darunter befinden sich einige, die im Kampf einsetzbar sind. Das empfiehlt sich auch bei späteren Bosskämpfen. Totori selbst fungiert nicht als einfache Draufhauerin. Sie setzt bevorzugt Items ein, die andere Teammitglieder heilen, Zustandsveränderungen hervorrufen oder dem Gegner schaden. Einen besonderen Pluspunkt erhält das Spiel wegen seinen kleinen Helfern, den Chim. Durch das Wasser des Lebens und ab einer bestimmten Stelle im Spiel kann man bis zu fünf dieser Helfer erschaffen. Für Leckereien übernehmen sie Sammelaufgaben oder synthetisieren Zugewiesenes. Das ist eine sehr schöne Idee.

 

Fazit:

Das Spiel macht Spaß und spornt zum erneuten Durchspielen an, aber es hat auch gravierende Schwächen. Es gibt keinen wirklich roten Storyfaden. Totori sucht nach ihrer Mutter und nebenbei gibt es halt hier und da einige Nebenhandlungen, die zudem nichts miteinander verbindet. Ich persönlich bin auch jemand, der in einem Rollenspiel sehr gerne levelt und in Ruhe alles auskundschaftet, aber dafür ist die Zeit viel zu knapp bemessen. Dieser ständige Zeitdruck hätte wirklich nicht sein müssen. Es hätte gereicht, wenn nur die ersten Jahre davon betroffen gewesen wären, was ich zunächst auch annahm, sich dann aber leider als falsch herausstellte.

Wer aber gerne herumexperimentiert – in zweifacher Hinsicht: Alchemie und das Erreichen verschiedener Endings – und dem Anime-Look nicht abgeneigt ist, sollte sich das Spiel auf jedenfall einmal näher anschauen.


Über den Autor

Stephan Schwab
Chefredakteur
Meine hauptsächliche Aufgabe ist das Verfassen von den verschiedensten Artikeln. Außerdem organisiere ich die Arbeit der Redakteure.
Lieblingsspiele: Splinter Cell 1-3, Final Fantasy (komplett), Heavy Rain